Otto Wermelinger
St. Karlistr. 68
Luzern (Schweiz)
Luzern, den 9. Juni 1963
Lieber Freund Walter in Übersee,
Endlich will ich einmal Deine wertvolle Post beantworten, die mich jedesmal mit grossem Stolz erfüllt. Also vielen Dank für das hochinteressante Paket und den in einem Abstande erfolgten Brief. Die Verpackung am Paket sah sehr mitgenommen aus, die Schnur offen, das Papier zerrissen, aber es kam doch alles an, worüber wir uns riesig freuten. Die Kalender und das Buch über Land und Volk Brasiliens hatten uns alle riesig interessiert. Wohl ist die Qualität des Druckes und der Ausrüstung nicht mit der in der Schweiz ebenbürtig, aber wenn wir in so grossen Auflagen drucken müssten, würde dieselbe bestimmt nicht besser. Im Gegenteil: die heutige gehetzte Arbeitsweise in den Fabriken und Betrieben droht der guten alten berühmten Schweizerqualität arg zuzusetzen. Das Brot muss verhältnismässig sehr sauer verdient werden, denn der Konkurrenzkampf ist in der Schweiz und in ganz Europa sehr gross. Zudem kommt dazu das Japan. Aber eben Japan, wo der Lohn so klein ist und der Arbeiter so genügsam, das kann billig verkaufen. Zum Beispiel habe ich optische und Fotoartikel gesehen, die der in Schweiz fabrizierten fast in nichts in der Qualität nachstehen.
Nebst meinen Geschwistern kenne ich in Luzern sozusagen gar niemand, der mit mir auch weitstehend verwandt wäre. Und die, die ich von meinem Vater her gekannt habe, die in Willisau, Hergiswil gelebt haben, leben fast keine mehr. Aber immerhin: die Foto von Deinem Ur-Urgrossvater ist ein kleiner Hoffnungsstrahl. Aber es braucht sehr viel Zeit, und bis zu jenen Wermelinger-Orten sind ein bis zwei Stunden zu fahren. Immerhin will ich versuchen, in den Ferien eine Kontaktaufnahme zu machen; vielleicht kann der Gemeindepräsident oder der Pfarrer mir einen Hinweis geben, auf welche Bauernliegenschaft ich mich hinwenden könnte. Aber wie gesagt: nur ein grosser Zufall, wenn ich eine Spur finden könnte. Ich stelle mir vor, es müsste doch ein Gemälde von Hand gemalt sich finden lassen. Oder ist dieses Gemälde in Eurem Besitze, und habt Ihr diese Photo von diesem Bilde machen lassen?
Über die politische Struktur unseres Landes gibt die beiliegende Broschüre sehr einfach und leichtfasslich Auskunft. Vielleicht ist Dein Freund Harald so nett und tut es in kurzen Zügen übersetzen.
Mitte Juni gehe ich mit meiner Familie nach Italien; es ist dann für mich und meine Frau das erste Mal, dass wir das Meer sehen und erleben. Wir freuen uns riesig darauf.
Im Weitern kommt mir nichts Neues in den Sinn, und ich will meine Zeilen schliessen in der Absicht, die interessante Korrespondenz weiter zu pflegen.
Es grüssen von ganzem Herzen aus weiter Ferne, aber dennoch aufrichtig — lasse auch den Übersetzer von Herzen grüssen.
OTTO WERMELINGER, MEINE FRAU M., WALTER
(Quelle: Walter Wermelinger)
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